Immer wieder liest man in den einschlägigen Diskussionsgruppen auf Ravelry, das jemand so gerne diesen oder jenen Pullover stricken möchte, aber es ginge ja nicht, weil die Anleitung für Oberweite XY ist und man selber habe ja Oberweite ZX .

Soll ich euch ein Geheimnis verraten? Es geht doch! Und zwar bei nahezu allen Anleitungen. Allerdings muss man ein bisschen rechnen und denken. Aber ich bin wahrlich keine Leuchte in Mathematik und logischem Denken und ich kriege es hin, also wird’s nicht so schwer sein.

Das Umrechnen einer Anleitung auf eine andere Maschenprobe und/oder eine andere Grösse hat Tichiro hier sehr schön und ausführlich in einem PDF-Dokument beschrieben. Ich will das ganze hier mal unter spezieller Betrachtung von historischen Anleitungen neu aufkochen.

Es gibt Anleitungen, wie z.B. die deutschen Schachenmayrin-Hefte, da sind für jedes zu strickende Teil Schemazeichnungen MIT allen Massen dabei,z.B. sowas:

Das ist natürlich der pure Luxus. Hier kann man sich den hier im folgenden beschriebenen Teil 1 sparen. Denn das Ergebnis des ersten Teils wird eine ebensolche Schemazeichnung mit den Originalmassen sein.

Insbesondere bei den textbasierten englischen Anleitungen hat man häufig mehrere Unbekannte: meistens sind nicht alle Masse des fertigen Strickstücks angegeben. In meiner Lieblingszeitschrift „Australian Women’s Weekly“ steht oft nur, der Pullover sei für „Bust 32“ und er sei so und so lang. Eine Zeichnung ist nicht dabei, man geht einfach davon aus, dass der Pulli so runtergestrickt wird, wie er beschrieben ist. Im Extremfall fehlt sogar die Maschenprobe , aber auch das ist machtbar. Dazu kommen wir aber später.

Teil 1: Das „Schnittmuster“ des Originalpullis

Ich zeige das ganze hier am Beispiel dieses wunderschönen und sehr einfach zu strickenden „Victory-Pullovers“, für den es die Anleitung kostenlos auf der Website des Victoria & Albert-Museum gibt (auf das Bild klicken).

Zuerst lesen wir uns mal die Anleitung Schritt für Schritt durch mit dem Augenmerk auf Massangaben und „shaping“, also Zunahmen oder Abnahmen.

Als Massangabe haben wir hier folgendes: Length, 18.5 ins. To fit a 33-34 in. bust. Sleeve seam, 5.5 ins.

Ich rechne mir das immer gleich in Zentimeter um, da ich kein Gefühl für Inchmasse habe. Hier haben wir also 47 cm Länge (vermutlich ab der Schulternaht gemessen), passend für Oberweite 84 – 86.5 cm. Den „Sleeve seam“ interpretiere ich als die Länge bis zum Beginn der Armkugel, denn 14 cm Ärmelbündchen wäre doch etwas viel.

Und eine Maschenprobe ist auch angegeben: 7.5 sts. in width and 9.5 rows in depth to one inch

Grob auf 10 x 10 cm umgerechnet kann man die Inchmasse einfach mal 4 nehmen, um ein Gefühl für die Maschenprobe zu kriegen. Später beim Berechnen arbeite ich wieder mit den Angaben für 1 Inch, damit es geanuer wird. 30 Ma x 38 R entsprechen 10 x 10 cm.

Hätte man nun die passende Oberweite, könnte man sich einfach ein Garn und eine Nadelstärke suchen, mit denen man die Maschenprobe hinkriegt und könnte drauflostricken.

Hätte, könnte, wäre … bei mir funktioniert das so schon mal nicht, denn ich brauche locker mal 15 cm mehr Oberweite – aber natürlich nicht mehr Länge im gleichen Verhältnis, sonst hängt der Pulli bis zum Knie. D.h. ich kann mir auch nicht einfach ein dickeres Garn und dickere Nadeln wählen. Abgesehen davon, dass ich hier vermutlich so etwa Nadelstärke 6 oder 7 mm bräuchte und das würde wohl den Charakter des Strickstücks leicht verändern ;-). So wird’s also nichts, wir brauchen einen anderen Weg.

Um zu sehen, wie der Pulli geschnitten ist, geht es für mich am einfachsten, wenn ich mir das ganze schematisch aufzeichne. Wenn es sich nicht um ein total ausgefallenes Modell handelt, sind die meisten Vintage-Pullover sehr ähnlich geschnitten. Es geht beim Rumpf oft nur um die Frage, ob der Pullover bis zum Armausschnitt gerade hochgestrickt wird, dann wird er an der Taille etwas blusig sein, oder ob von der Taille bis zur Oberweite allmählich zugenommen wird, in diesem Fall wird der Pullover komplett anliegen.

Der Faulheit wegen klaue borge ich mir die Schemazeichnung von Tasha von By Gum By Golly, sie möge es mir nachsehen. Ihr „Vintage Sweater Knitalong“ ist übrigens auch eine sehr gute Quelle für die Anpassung von alten Strickanleitungen.

Der einzige Unterschied ist, dass der Victory-Pulli keine Knopfleiste hat, das Mass G geht also bis unter den Armausschnitt (G = D-H).

Nun können wir zusammentragen, welche Masse bereits bekannt sind.

Genaugenommen wissen wir bis jetzt nur die Gesamtlänge, das sind die Masse C + D zusammengezählt (47 cm) und das Mass J (Länge bis zur Armkugel = 14 cm). Die Weite des Strickstücks wissen wir noch nicht, weil vermutlich mit negative ease gestrickt wird, also der Pulli ist enger als die Körpermasse und dehnt sich beim Tragen. Wir müssen also weiter die Anleitung studieren.

Using No. 12 needles, cast on 108 sts. in navy wool and work in k. 1, p.1 ribbing for 3.75 ins.

Das Bündchen wird meist mit einer kleineren Nadelstärke gestrickt, damit es nicht ausleiert. Danach (nach 3.75 “ = 9.5 cm) wird dann auf die eigentliche Nadelstärke umgestiegen und wir haben 108 Maschen für die Weite A. Bei der angegebenen Maschenprobe entspricht das

Mass A sind also 36.5 cm.

Dann wird zunächst das Strickmuster und der Streifenverlauf beschrieben – das interessiert an dieser Stelle noch nicht.

Zum Shaping heisst es weiter unten im Text:

Cont, in ptn., inc. 1 st. at both ends of needle on the next row and on every following 6th row until there are 130 Sts. on needle.

In jeder 6. Reihe wird also an beiden Enden je eine Ma zugenommen, bis zu einer Gesamtzahl von 130 Ma, also insgesamt 11 mal (130-108 = 22 Maschen / 2 = 11)

Then cont. in ptn. without further shaping, until the Front measures 12.25 ins

Hieraus können wir jetzt zwei weitere Masse entnehmen: C, die Länge bis zum Armausschnitt sind 12.25 “ = 31 cm und B, die Oberweite = 130 Maschen, das enstpricht nach der oben genannten Umrechnungsformel 17.33 “ = 44 cm. Hier stellen wir nun überrascht fest, das dieser Pullover gar keinen negative ease hat, denn die Oberweite wird insgesamt 88 cm betragen und der Pulli  ist für 84 bis 86 cm angegeben.

Weiter geht es mit dem Armausschnitt.

Cast off 7 sts, at the beg. of each of the next 2 rows, then dec. 1 st. at both ends of every row until 96 sts. rem. Cont, in ptn. without further shaping until the work measures 17 ins. from the beg., ending at armhole edge.

Es wird abgenommen bis zu einer Restmaschenzahl von 96 Ma = 12.8″ = 32.5 cm. Das ist das Mass E. Es wird hochgestrickt bis zu einer aktuellen Gesamtlänge von 17 “ = 43 cm. Hieraus können die Masse G, D und H abgeleitet werden:

H = endgültige Gesamtlänge – aktuelle Gesamtlänge  = 47 cm – 43 cm = 4 cm

G = aktuelle Gesamtlänge – C = 43 cm – 31 cm = 12 cm

D = G +H = 16 cm

Zur Kontrolle: C + D muss die endgültige Gesamtlänge ergeben. 31 cm + 16 cm = 47 cm – stimmt!

Mit der genauen Form des Armausschnittes braucht man sich hier nicht aufzuhalten, wir brauchen später ja ohnehin andere Masse.

Jetzt kommt der Ausschnitt

Ptn. 39, turn. Cont. in ptn. on these 39 sts., dec. 1 st, at neck edge on every row until 27 Sts. rem. Work 3 rows without shaping, fin. at armhole edge.

Die Arbeit wird geteilt und am Ende bleiben 27 Ma auf der Nadel – das ist die Schulterbreite F. 27 Ma = 3.6″ = 9 cm

In der Mitte werden 18 Ma abgekettet bzw. stillgelegt : Slip the centre 18 sts. on to a spare needle and leave for the neck. 

D.h. die Mitte des Ausschnittes ist 18 Ma = 2.4″ = 6 cm breit.

Jetzt fehlen nur noch die Masse I und K beim Ärmel:

 Using No. 12 needles and navy wool, cast on 72 sts., and work in k. 1, p. 1 rib for 1.75 ins.

I = 72 Ma = 9.6″  = 24.3 cm

Change to No. 10 needles and ptn., inc. 1 st. at both ends of every 6th row until there are 88 sts.

K = 88 Ma = 11.73″ = 29.8 cm

Ausserdem haben wir noch die Bündchenlänge rausgefunden, nämlich 1.75 Inches, das enstpricht 4.5 cm.

So, nun haben wir alle Masse des originalen Pullis zusammen und können unsere Schemazeichnung entsprechend ergänzen:

War doch nicht so schlimm bisher, oder?

Weiter geht’s dann im nächsten Schritt damit, den Pullischnitt neu zu vermassen, sodass er für uns passt.

5 Thoughts on “Anything goes: jeden Pullover in jeder Grösse stricken – Teil 1

  1. Ich bin begeistert – an der Maschenprobe stricke ich schon herum und bisher habe ich dank Schritt für Schritt-Angabe auch alles verstanden 😀

    Vielen Dank für den tollen Beitrag und ich bin gespannt auf die Fortsetzung! 😉

  2. Jetzt hast Du mir – unbewußt – ganz schön viel Arbeit abgenommen – der Pulli gefällt mir nämlich auch 😉
    Mal sehen, ob und wann ich das denn in Angriff nehme…

    Liebe Grüße und vielen Dank 🙂
    Simone

  3. Pingback: Von mir für mich: Victory Jumper | Couturette

  4. Brigitte Bürmann on 28. November 2014 at 15:20 said:

    Bin durch Zufall auf diese Seite gestoßen, habe aber heute leider gar keine Zeit
    weiter zu lesen.
    Aber das ist genau die Seite die ich brauche, weil ich mir auch viele Strickteile
    selbst zusammen bastel.
    Und dann noch auf Deutsch, einfach toll.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Post Navigation